Fernweh - Schreiben an alle Freunde - 30. März 2009

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Seit einiger Zeit hat Reto und mich das Fernweh wieder einmal gepackt (einmal Zigeuner, immer Zigeuner!) und wir haben überlegt und überlegt, wie wir diesen Gefühlen entweder ausweichen, sie unterdrücken oder in welcher Art und Weise ausleben könnten. Eigentlich gefällt es uns hier in Widen enorm gut – wir haben uns wunderbar eingelebt, integriert und sind glücklich in unserem schönen Haus. Den Kindern gefällt es gut in der Schule und in unseren Businesses ist es eigentlich auch ganz nett (ausser den normalen Ups and Downs....).

Nun gut, das Fernweh sind wir trotz aller Vernunft nicht losgeworden. So haben wir vor einiger Zeit ein neues Projekt ins Auge gefasst: mit der Familie einmal um den Globus reisen. Gedacht, geplant, sind wir ans Ausarbeiten dieses Planes gegangen. Zu Beginn war unser Enthusiasmus sehr gross und ungebremst, bis uns die Vernunft wieder einholte. Die Buben aus ihrem gewohnten Dasein reissen, nur wegen unserem Vagabundentrieb, das erschien plötzlich doch nicht fair und so beerdigten wir das Ganze! Die Kinder wussten bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts.

Über den Jahreswechsel erzählten wir Andrin und Roman, dass wir vorhatten, mit ihnen zusammen eine Weltreise zu unternehmen. Auf ihre Frage, weshalb wir dieses Projekt denn abgeblasen hätten, erzählten wir, dass es ja reiner Egoismus unsererseits sei – sie hätten ja kein so starkes Fernweh, seien glücklich in ihrer Schule, haben liebe Freunde, geniessen ihre Hobbies.... Die jungen Herren haben uns kurzerhand die Leviten verlesen und uns erklärt, dass wenn sie der Grund des Nichtdurchführens seine, so sollten sie doch wenigstens gefragt werden und mitentscheiden dürfen. Dies wiederum war für uns einleuchtend.


Zwei Wochen Zeit gaben wir ihnen. Sie hatten die Aufgabe, darüber gut zu überlegen, zusammen durchzusprechen, welche Auswirkungen so eine Reise für sie beide hätte – mit allen Pros und Cons. Nach gesagten zwei Wochen kamen sie überzogenen Hauptes in den Familienrat und verkündeten, dass sie bereit seien für ein solches Abenteuer.

Also gut, ging es erneut ans Planen. Die ersten Abklärungen waren natürlich betreffend Finanzierbarkeit eines solchen Vorhabens. Reiseroute, Pässe, Visen, Impfungen, Projekte, was machen mit der Firma, was machen mit den Liegenschaften ... viele grosse Entscheide standen an. Teilhaben durften niemand, würden die Pläne doch nicht zustande kommen, bräuchten wir ja nach wie vor einen normalen Erwerb, normaler Schulalltag etc. Die Eltern wurden aber bald schon eingeweiht ... sitzt der Schock unserer Auswanderung immer noch tief in ihren Knochen.

So, und nun ist es also soweit. Endlich dürfen wir von diesem Grossprojekt erzählen! Wir werden per Ende Juli mit der Queen Mary 2 von Southampton nach New York fahren – um die Dimension des grossen Teiches hautnah zu erleben. In Amerika werden wir ein Auto kaufen und die gesamte Ostküste nach Norden hin auskundschaften. Quer durch Kanada, dabei möchten wir den Buben zeigen, woher sie kommen: das Haus, in dem wir wohnten - der Spital, in dem sie zur Welt kamen – den Kindergarten – die Freunde, mit denen sie spielten. An der Westküste werden wir durch die grossen Weiten und die National Parks ziehen. Mit Zelt und Campingkocher versuchen wir dem Winter Richtung Süden zu entfliehen. Von Kalifornien aus werden wir (wohin es eben ein günstiger Flug hat) die Südsee anpeilen, in der Hoffnung, dort eine Bambushütte für einen Monat zu finden.

Über Neuseeland, Australien werden wir uns nach Indonesien (Nord Sulawesi) durchschlagen. In Singapur werden wir Freunde besuchen und uns orientieren, wie wir die Weiterreise bewältigen können. Evelyne will per Zug, Reto per TukTuk.... mal schauen, das Hinterteil schlägt bei beiden Varianten Alarm.

Wir werden versuchen, per Festland von Singapur aus die Reiserute zu wählen. Thailand, Malaysia, Laos, Kambodscha und Vietnam (wo wir übrigens Retos Eltern treffen werden) .... für den ganzen Fernöstlichen Teil werden wir sicherlich 4-5 Monate aufwenden. Da wir gerne Reis essen, sollte dies eigentlich kein Problem sein.

Wenn möglich, und falls es uns die Zeit und das Budget erlaubt, werden wir mit verschiedensten Eisenbahnen der chinesischen Küste entlang bis Peking reisen, von dort aus über die Mongolei durch Russland mit der Transib soweit, wie es eben geht. Politische Stabilität im Nahen und Fernen Osten vorausgesetzt, werden wir über Moskau, Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan ... und wie sie immer heissen mögen, den Reiseradius schliessen.

Geplant ist, dass wir Juni – Juli 2010 wieder gesund in Widen eintreffen werden. Mit vielen schönen Erlebnissen, unvergesslichen Abenteuern und vor allem voller kulturellen Eindrücken im Gepäck... so hoffen wir jedenfalls!

Auf Besuch vor der Reise freuen wir uns natürlich sehr – und da wir Mitte Juni das Haus in Widen räumen müssen ... sind wir auch für warme Mahlzeiten jederzeit zu haben!!!!

Mit ganz, ganz liebem flaschenpost’chen Gruss

Evelyne, Reto, Andrin und Roman